Ziele?

 

Ziele?


Es gibt keine Ziele mehr.

Denke ich zurück, so war mein Leben immer angenehm geprägt von Zielen, die es zu verfolgen galt. Schluabschluss, Ergreifung des Berufs, Partnersuche, Hausbau, Familiengründung, es zu schaffen im Leben.

Lausche ich der älteren Generation, so finde ich noch viel mehr. Das nackte Überleben nach dem Krieg, vor Kriegsende der Dienst für das Vaterland. Die Familie war ein Ziel an sich. Der Partner eine bedingungslose Entscheidung fürs Leben.

Was ist davon geblieben?

Keine Gemeinschaft ist mehr geeignet, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Nation, Gemeinde, ja selbst Familie - was bedeuten diese Worte heute noch? Das Individuum wird betont, die Selbstverwirklichung, der eigene Weg. Wer es dennoch versucht, wird bitter bestraft, denn im Zweifel ist er der Einzige, der dem Weg der Aufopferung für das "Wir" verfällt. Er wird ausgenutzt, verlacht, was er an Energie einbringt, veranlasst alle anderen, einen Gang zurück zu schalten und sich über seine Dummheit zu amüsieren.

Die Liebe zu einzelnen Menschen. Das könnte schon noch etwas sein, gälte hier nicht das Gleiche wie für die Gruppe. Das Risiko, aus einer Laune heraus vor das Nichts gestellt zu werden, begreifen wir sehr rasch als einen deutlichen Hinderungsgrund, uns auf Gedeih und Verderb einem Partner zu verschreiben. Wir sind vorsichtig, wir zweifeln.

Kinder. Sicher. Ihr Wohlergehen ist ein Ziel, das uns im Blut liegt. Doch wenn wir vergessen, dass sie eigentlich nichts weiter brauchen als eine Grundversorgung, einen Ansprechpartner, Geborgenheit und einen sicheren Hafen, wenn wir glauben, sie anstelle von eigenen Zielen benutzen zu dürfen, produzieren wir gedrillte Affen, von Minderwertigkeitsgefühlen zerfressene kleine Psychopathen, die sich noch im Alter vorwerfen, die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllt zu haben.

Die materiellen Dinge. In einer Welt, in der das Überleben im Sinne von Dach überm Kopf und genug im Kühlschrank immer gesichert ist. Wo liegt hier wirklich ein Ziel? Darin, mehr zu haben als die anderen? Irgendwer wird immer noch mehr besitzen. Und was soll der Mensch schon mit all den Reichtümern, die er anhäufen könnte?

Fähigkeiten. Fertigkeiten. Immer nützlich. Sieht auch gut aus, wenn einer was kann. Aber dienen alle Künste zu mehr als zum Bluff und zum Erwerb von Ansehen und Geld?

Wenn nichts mehr bleibt, bleibt dennoch die Weltanschauung. Wenn alles sinnlos erscheint, schneidern wir uns einen beliebigen Sinn oder greifen ihn uns in einer Religionsgemeinschaft von der Stange. Dem Druck der Unsinnigkeit unseres Daseins nicht mehr gewachsen, lassen wir uns fallen in ein Gebäude aus Werten und Regeln. Je weniger wir der Welt abgewinnen können, desto beharrlicher verbeissen wir uns in fremde Gedanken, denn irgendwo muss es doch ein Lebensziel geben.

Und wenn wir ganz schlau sind, erklären wir die Ziellosigkeit selbst zum Ziel. Verschreiben uns dem "Loslassen" aller irdischen Dinge und der Erleuchtung, die ebensowenig kommt wie der Tod, wenn wir uns ins Gras legen und verkünden, dass wir jetzt zu sterben gedenken.

In unserer Verzweiflung muss sogar die Figur herhalten. Dann wollen wir abnehmen, schön werden, fit werden, es allen zeigen.

Und wenn ich mir eingestehe, dass auch dieses Ziel nur ein billiger Versuch ist, überhaupt einer Fährte folgen zu können, werde ich mir bewusst, dass ich auf einem winzigen Floß mitten im Ozean treibe, mal ein paar Meter hier- oder dorthin paddeln kann und doch niemals irgendwo ankomme.

Ich jage Wolken hinterher, statt zuzugeben, dass es keine Ziele gibt. Doch wenn ich die Augen aufschlage, brauche ich einen Griff, der mir hilft, auf die Beine zu kommen.

Es wäre so schön, nicht mehr zu denken.