Ziele

 

Ziele

Mein Leben lang habe ich mir Ziele gesetzt. Habe mir gesagt: ich will dieses oder jenes, wofür ich dann wieder dieses oder jenes tun, lernen, anschaffen muss. Wie ein Schneider sich ein Schnittmuster fertigt, so habe ich Schritt für Schritt meine Ziele definiert und den Weg zu ihrer Verwirklichung aufgezeichnet.

Ich habe einiges erreicht auf diese Art, zweifellos.

Es gibt Leute, die behaupten, wer sich Ziele setzt, lebt in der Zukunft statt in der Gegenwart. Der verpasst sein Glück heute, weil er schon morgen lebt, morgen findet er es nicht, weil er schon übermorgen im Kopf hat und immer so fort.

Da ist etwas dran, zweifellos.

Das Setzen von Zielen bringt eine Verkrampfung mit sich. Der Blick ist ängstlich auf die Ergebnisse gerichtet, die ja nicht immer die gewünschten sein müssen. Wenn ich Zielen hinterher jage, lebe ich mit der ständigen Angst vor dem Misserfolg. Ich schaffe mir ein potentielles „Minus“ auf dem Konto meiner Zufriedenheit (siehe Reichtum). Ich versäume es, mich heute an dem zu freuen, was ich
habe, weil ich in der Angst lebe, morgen ein gestecktes Ziel nicht zu erreichen.

Das Setzen von Zielen macht mich zu einem armen Mann, da es in mir den Mangel an dem erzeugt, was ich mir zum Ziel gemacht habe. Ich habe es noch nicht, daher das Ziel. Und etwas nicht haben, aber haben wollen – das ist Armut.

Kompliziert, das Ganze. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Mensch ohne Ziel wie ein Schiff ohne Kompass ist. Es muss eine Richtung angezeigt werden, sonst lässt sich kein Kurs steuern. Vorgänge müssen geplant, vorbereitet sein, sonst enden sie im Chaos. Fertigkeiten müssen erworben werden, sonst kann ich sie nicht anwenden.

Es muss einen Weg geben, die Notwendigkeit von Zielsetzungen und den Erhalt der unverkrampften Lebensart in Harmonie zu bringen. Es muss doch möglich sein, unsere Ziele als Träume zu betrachten, ihre Verwirklichung nicht als Pflicht, sondern als Geschenk, ihre Nichtverwirklichung nicht als Strafe, sondern als etwas vollkommen Normales. Den Traum als ein Samenkorn. Ein Korn von Millionen, unter denen nur ein einziges aufzugehen braucht, um von der Natur als Erfolg gesehen zu werden. Warum sind wir so gierig? Warum glauben wir, jedes einzelne unserer Samenkörner müsse auskeimen, jedes unserer Ziele sich verwirklichen lassen? Warum sind wir nie zufrieden?