Oktober

 

1.10.04

„Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, war alles ihm beseelt.“

 

2.10.04

Von vollkommen zufriedenen Menschen sagt man, sie seien sich bewusst, dass sie eine sichere Position im Mittelpunkt der Dinge besitzen.

Sie brauchen keine Reisen, keine Fluchten, keinen materiellen Ballast.

Auch ich habe längst alles, was ich je suchte, hier gefunden. Es gibt nichts, wovor ich fliehen müsste, was nicht mit mir dorthin zöge, wohin ich mich flüchtete.

 

3.10.04

„Will mir meine eigene Geschichte erstreiten!“

 

4.10.04

Es geht bescheiden. Müde, schlaflos, schlapp. Aber dennoch produktiv. Ruhe vor dem Sturm. Warten auf anderes Wetter.

 

5.10.04

Wo die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten.

Nach solchen Phasen geht es meistens rapide bergauf.

 

6.10.04

Warum nehme ich nicht zu? Ich esse (zu Testzwecken, rein wissenschaftlich, klar doch) alles und in Riesenmengen. Aber das Gewicht schwankt ständig um den gleichen Punkt herum.

Sind meine Feindbilder überhaupt angebracht? Zucker, Käse, Kalorien? Blockiere ich mein Gemüt etwa mit all den Dingen, denen ich unterstelle, sie seien nicht gut für mich? Diätphilosophie als Ersatzreligion?

Entdecke ich gerade meine eigene Furchtlosigkeit? Werde ich zur echten Gefahr für alle Diätpläne, wenn ich aufzeige, dass sich ohne auch abnehmen lässt?

 

11.10.04

Mein Kopf ist so leer wie mein Tagebuch. Es wird Zeit, anzufangen.

 

12.10.04

Ich werde eine live-Abnehm-Homepage anlegen. Das Risiko, mich zu blamieren, ist zwar ein Gespenst am Horizont, aber jeder, der sich nach vorne wagt, läuft Gefahr, ausgelacht zu werden. Ich beherrsche meinen Stoff. Warum nicht volles Risiko gehen?

 

17.10.04

Es juckt mich seit Tagen in allen Fingern. Ich bin absolut unausstehlich. Die Probezeit ist vorbei. Die Fingerübungen haben ein Ende. Jetzt wird gespielt.

 

Montag, 18.10.04

Es sind oft nur Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bewirken.

Der Beginn einer Diät wurzelt immer in Unzufriedenheit. Mit dem Aussehen, der gesundheitlichen Lage oder den Kosten für größere Kleidung.

Unzufriedenheit ist wie eine Ölpest. Sie verschmiert alles bis in den letzten Winkel. Sie überzieht jeden Moment des Lebens mit Missmut und Anspannung.

Unzufriedenheit als Hintergrundfarbe für eine Zeit der Veränderungen ist das programmierte Scheitern.

Ich werde von einer anderen Basis starten, aus einem Gefühl der Zufriedenheit heraus. Der Zufriedenheit über die Dinge, die ich habe. Denn ich besitze so viele gute Dinge in meinem Leben, warum soll ich mir die Freude darüber von der noch nicht ganz vorhandenen Traumfigur trüben lassen?

Ich schreibe ich mir jetzt, gleich zu Beginn der „Großen Wanderung“ alles auf, was mir Grund gibt, mit meinem Leben glücklich zu sein.

Das wird eine ordentliche Liste, ich gestatte mir aber, sie nicht auf der Homepage zu deponieren. Intim. Geheim. All so was.

 

19.10.04

Nun läuft es also. Die Seite steht im Netz, die erste kleine Änderung ist vollzogen.

Wäre ich ein Seefahrer, der eine Atlantiküberquerung vorbereitet, so läge ich jetzt im Hafen und wäre damit beschäftigt, das Schiff auf seine Seetüchtigkeit zu überprüfen. Segel flicken, Taue begutachten, wurmstichige Planken austauschen, mit dem Farbeimer herumlaufen.

Es werden noch keine Seemeilen verschlungen, aber das Gefühl vom Meer, von Wind und Wetter lässt den Puls schon schneller schlagen. Das Vorhaben nimmt Formen an, jeder Handgriff bringt mich dem Lichten der Anker näher.

 

20.12.04

Was für eine Wonne. Nach zwei Stücken Torte entspannt sich der ganze Körper, das Hirn signalisiert wieder schönes Wetter und die Seele zwitschert ein fröhlich Lied.

Gestern war mir nach der Rohkost mit den Essig-Öl-Saucen arg flau, wohl Übersäuerung, denn nach einem Glas Natronwasser war alles wieder in Ordnung. Da habe ich dann ungewollt einen süßfreien Tag eingelegt. Der ist mir körperlich gut bekommen, meine Laune war aber heute doch nahe daran, zu leiden

Alk-weg ist wie erwartet vollkommen problemlos. Schlaf prima, nicht das Gefühl, mir fehlt etwas. Kaffee und Zucker haben sich seltsamerweise automatisch mit reduziert.

Bin guter Dinge.

 

21.10.04

Ein Tag, den man einfach mal so laufen lässt.

 

22.10.04

Und da haben wir das erste große Fragezeichen: Wieso fehlen heute 1,3 kg auf der Waage?

Wo ist die Diät-Logik, wenn man an einem Tag seine Kalorien alleine schon über das Olivenöl hereinholt (so eine Flasche hält bei mir nur wenige Tage, die Salzkartoffeln und der Salat schwimmen in dem guten Zeug), wenn die böse in Butter gebratene Fleischwurst meinen Gaumen entzückt, die 4 Weißmehl-Zucker-Teile einen Montignac und einen Glyx verhöhnt haben, wenn nicht eine Kalorie durch körperliche Betätigung verbrannt wurde, wenn weder Verdauung noch Entwässerung auffällig anders waren?

Ein solcher Tag ist eine Herausforderung.

Nehme ich an, dass all das, was ich da gestern gegessen habe, von meinem Körper und meiner Figur tatsächlich toleriert wird, so muss ich nur noch klären, warum es unter gewissen Umständen in Ordnung ist und unter anderen nicht.

Schließlich ist für den Menschen, der gerne isst, nichts fürchterlicher, als irgendetwas nicht essen zu dürfen. Er verlangt dann sogar nach Speisen, die er gar nicht mag, einfach nur aus Ärger, weil irgendjemand sie ihm verbieten möchte.

Ich möchte nichts nicht essen dürfen. Ich hasse es, wenn mir Nahrungsmittel verboten werden.

 

23.10.04

Mein wichtigster Begleiter beim Abnehmen ist das Essen.

Wer würde seinen Weggefährten wie einen Feind behandeln? Ihm misstrauen, ihn fürchten?

Wer würde nicht lieber mit einem vertrauten Freund reisen?

Warum soll Abnehmen die Trennung bedeuten von Dingen, für deren Vorhandensein ich Dankbarkeit zeigen müsste? Warum soll ich einen Mangel erzeugen, obgleich ich zu den glücklichen Menschen gehöre, denen das Leben keinen Mangel auferlegt?

 

25.10.04

Die erste Woche war in Ordnung.

Alkohol ist raus aus meinem täglichen Leben, Kaffee und Süßigkeiten auf ein vernünftiges Maß reduziert

Es gibt keinen Grund, in der zweiten Woche sonst noch etwas zu verändern. Solange das Gewicht im Wochenschnitt sinkt, fahre ich fort wie bisher.
 

26.10.04

Nicht der ideale Tag gestern. Morgens durch nicht eingeplante Termine viel zu lange nichts gegessen. Kein Rhythmus. Abends völlig unsinnig überfressen. Ein Tag, wie er immer wieder mal vorkommen wird. Abhaken, fertig.
 

28.10.04

Da traust du dich morgens gar nicht aufzustehen, weil du dir denkst, die Waage wird dir den ganzen Tag verderben. Du hast richtig Schiss, auweia, gestern so viel gefressen, das gibt die Katastrophe heute.

Und was ist? Nix ist. Du bist bescheuert. Hast Angst vor deinem Essen. Hast zwar theoretisch voll durchschaut, dass das alles Quatsch ist, aber du hängst immer noch in deinen alten Ansichten vom viel und wenig essen, vom Gut und Böse der Diätküche.

Nach jeder dir bekannten Ernährungslehre hättest du gestern zulegen müssen, aber wir waren uns doch gerade einig darüber, dass all diese alleinseligmachenden Fingerheber zwar auf irgendetwas gestoßen sind, was richtig ist, sich damit aber begnügen und sich von Stund an der Selbstbeweihräucherung hingeben.

Mit dem Verstand habe ich es begriffen, aber das wirkliche Wissen und das Vertrauen kommt langsam.

30.10.04

Hallo Vicky, ich hoffe, du verbringst heute einen vergnüglichen Abend.

 

 

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