November

 

5.11.06

Jetzt sind es 37 Kilo.

Einerseits freue ich mich wie ein Schneekönig, andererseits haben sich die Themen verschoben. Es ist fast schon nebensächlich, ob sich mein Gewicht ändert. Ich ändere mich, aber ich blicke noch nicht ganz durch. Wenn das, was wichtig war, an Bedeutung verliert, entsteht erst einmal ein Loch, ein Nichts. Fühle mich wie Robert, unsere Adoptivkatze, sich gefühlt haben muß, als er fünf Stunden unter den Beifahrersitz des Autos gekauert seine alte Heimat nur noch als Erinnerung besaß, nicht wissend, daß er sie niemals wiedersehen wird, daß ein völlig neuer Anfang bevorsteht, ob gut oder schlecht, in jedem Fall anders.


9.11.06

So, liebes Tagebuch. Heut bist du auch mal wieder dran.

Hatte viel zu denken seit dem letzten Eintrag. Vor allem, warum ich immer wieder und bei bestimmten Themen mit aller Welt aneinander rassele.

Ich beschränke mich mal auf das Ergebnis: Ich glaube wohl immer noch in viel zu starkem Maße, daß meine "Lösungen" auch für andere Personen welche sein müssen. Und bedränge daher viel zu sehr meine Mitmenschen, es mir gleich zu tun. So ganz nebenbei ist mir noch der gravierende Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz klar geworden. Zwischen "ich mag dich, obwohl du so bist" und "ich mag dich, weil du so bist". Das heißt, klar war er mir immer schon, aber die Erkenntnis, daß die üblichen Probleme ausbleiben, wenn es mir nicht nur klar ist, sondern wenn ich das Jemanden-Sein-Lassen auch praktiziere, die ist einigermaßen frisch.

Kurzum: Ich trage den Oberlehrer zu Grabe und lasse das Spielkind wieder die Regie übernehmen. Mal gucken, wie sich das entwickelt.


21.11.06

Weitab vom Weg. Der Pfad, den ich seit Wochen beschreite, endet unvermittelt im Unterholz. Hier gehts keinen Schritt weiter.

Hier, wo längst eine Raststation auftauchen sollte, ist nichts als grünes Dickicht. Zurück, den ganzen Weg, mit leerem Magen und wunden Füßen.

Wenn dem Ofen das Holz ausgeht, wie soll er dann die Menschen wärmen? Wenn die Kälte stärker ist als seine Glut. Wenn sein Feuer erstirbt und er nur warten kann auf den guten Geist, der es wieder entfacht.

So kann er Jahre vor sich hin stehen, ein eiskaltes Denkmal seiner eigenen Möglichkeiten.


22.11.06

Was ist es, das du wirklich willst?

Irgendwann vor drei Jahrzehnten begann mich diese Frage zu beschäftigen. Heute morgen kam mir die Antwort. Ein Wort. Fünf Buchstaben. Hafen. Nicht mehr, nicht weniger.

Mit seinen Lichtern, seinen Kaschemmen, seinen Mädchen, seinem Schutz, seiner Wärme. Er ist das Leben, das in ihm pulsiert, und er ist doch für sich. Ohne ihn gäbe es manches Leben in ihm nicht, und dennoch gehört er nicht dazu. Gerät er in Not, legt jeder Teil des ihn beseelenden Lebens mit Hand an, ihn zu bewahren, denn er bewahrt das Leben seiner Teile. Bis eines Tages die Einfahrt versandet ist, seine Kaimauern verfallen, die letzte Kneipe letztmalig die Lampen löscht.

Der Hafen kann nicht transportiert werden an einen anderen Ort. Der Weg zu ihm kann gewiesen werden mittels Karten und Lichtern. Doch ist er immer an seinem Fleck, und nur dort. Jedermann geöffnet, der ihn anzulaufen trachtet, doch ist es niemandem verwehrt, in weiter oder naher Ferne zu ertrinken.

Mittelpunkt des Lebens und doch Zuschauer. Er unterscheidet nicht zwischen Mönch und Mörder. Hafen.


25.11.06


Es ist ein komisches Gefühl, morgens aufzuwachen und kein Ziel mehr ausmachen zu können. Sonst immer der erste Gedanke morgens: "Und heute tust du dies und jenes auf deinem Weg in Richtung Wasauchimmer." Die letzten Tage werde ich wach und denke nichts in dieser Art mehr. Gut, es gibt reichlich Sachen, die ich mir für den Tag vorgenommen habe, auf deren Erledigung ich mich freue, aber früher waren sie immer zielgerichtet. Orientiert an einer weit entfernten Küste.

Ich bin Menschen immer mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis begegnet, die einfach nur daheim saßen, vollkommen glücklich aussahen und gar keine Veranlassung sehen konnten, sich zu rühren. Die sich nie irgendwo blicken ließen, bei denen man aber zu jeder Tageszeit klingeln konnte, um ein Tässchen Kaffee zu trinken und ein nettes Wort zu empfangen.

Heute morgen hatte ich den Verdacht, daß ich auch so einer sein könnte. Wie erwähnt. Ein komisches Gefühl.