Misslungene Mahlzeiten

 

Misslungene Mahlzeiten


Wer abnehmen möchte, nimmt sich vor, von nun an "alles richtig" zu machen. Jede Mahlzeit soll stimmen, Fehler sollen ausgeschlossen sein, dann kann dem Erfolg nichts im Wege stehen.

Dummerweise macht uns das Leben gerade beim Abnehmen mit grösster Freude immer wieder kleine und grosse Striche durch die Rechnung. Ganz besonders, was das "Alles-Richtig-Machen" angeht.

Da gibts eine Einladung zur Pizza, eine Geburtstagsfeier oder einfach einen netten Besuch bei der Oma. Ihren hausgemachten Mandarinenkuchen nicht zu probieren, käme einem grässlichen Verbrechen gleich, das auch durch keine Kur zu entschuldigen wäre.

Bei mir sind es in alles Regel die Frühstücke. Mal mit den eigenen Kindern, mal mit der Omma. Eine solche Tafelrunde lässt sich zwar auf wenige Termine im Monat begrenzen, ist aber immer unter die Rubrik "schwerer Fehler" einzusortieren. Brötchen mit Butter und Marmelade, Wurst, Käse, Weckchen und Croissants. Ab und zu wird es toleriert, wenn ich mir mein Schwarzbrot und Tomaten mitbringe, aber das rechte Familienglück stellt sich nur ein, wenn mir auch was "Gutes" verabreicht werden darf.

Heute war es mal wieder soweit. Lecker wars. Und schön auch. Jetzt sitze ich wohlig satt vor dem Compi und tippe diese Zeilen. Gräme ich mich? Nö. Das Frühstücksbuffet ist beendet, wird verdaut, irgendwann stellt sich der Hunger wieder ein und dann gehts ganz normal weiter. Niemand hindert mich daran, den Rest des Tages in der Küche wieder so zu gestalten, wie es der Figur dienlich ist.

Der Vergleich mit der Schule bietet sich an. Wir schreiben eine Klassenarbeit mit 4 Aufgaben. Die erste haben wir vermasselt, das wissen wir. Ne 1 wirds demnach nicht mehr werden, aber wenn die drei anderen Aufgaben richtig gelöst sind, gibts bestimmt noch eine 3. Lassen wir uns aber hängen und werfen das Handtuch, statt diese drei Aufgaben zu bewältigen, ist das "Ungenügend" perfekt.

Nach jeder einzelnen Mahlzeit (deren feinen Nachgeschmack wir geniessen sollten ohne irgendwelche Selbstvorwürfe) können wir die folgenden wieder anders gestalten. Dumm wäre es lediglich, sich selbst zu sagen: "Dieser Tag ist eh nicht gelungen, dann kann ich auch weitermachen mit den Fehlern." Denn dem ist nicht so. Eine 3 in der Arbeit ist ein durchaus vorzeigbares Ergebnis, eine 5 oder 6 wieder auszubügeln, das macht bedeutend mehr Arbeit.

Für jeden Fehltritt gilt: Geniessen, abhaken, im gewohnten Trott weitermachen. Das Klassenziel ist auf diese Art nie in Gefahr, und einen Notendurchschnitt von 1,0 brauchen wir ja nicht unbedingt auf unserem Zeugnis.