Mangel

 

Mangel

Ich bin überzeugt davon, dass jeder „Dicke“, der nicht willentlich dick ist, sondern tatsächlich sein Essverhalten nicht kontrollieren kann, irgendein Hunger-, ein Mangel-Erlebnis in seinem Hirn gespeichert hat.

Sei es ein echter Hunger in Notzeiten (ich denke an die vielen Menschen aus der Generation meiner Eltern, die an der Front oder in den Nachkriegszeiten tatsächlich nichts zu essen hatten) oder sei es der künstliche Hunger, den wir uns unnötigerweise mit vielen unserer Diäten schaffen. Wenn wir nachts wach im Bett liegen und davon träumen, wie der Kellner uns eine dampfende Pizza auf den Tisch stellt, wenn die eingebildeten Kuchen und Braten oder das duftende, frische Hefegebäck unseres Arbeitskollegen uns den Mund wässrig machen. Wenn der Körper nach Essen schreit, wir es ihm aber, willensstark, wie wir nun einmal sind, verweigern.

Der „Dicke“ hat Hunger so stark erleben müssen, dass er dieses Erlebnis nie wiederholen möchte.

Diese Angst wird schon bei völlig normalen Kindern und ohne Grund ausgelöst:

Das dickliche (mopsige, aber dadurch nicht unnormale) Kind, für das nichts auf der Welt schöner ist als leckeres Essen, wenn der Hunger sich meldet (auch völlig normal), bekommt von lieben Freunden oder fürsorglichen Erwachsenen den Hinweis, es sei zu dick und dürfe nicht soviel essen. 
Von nun an lebt das Kind in einer doppelten Angst: isst es, hat es Angst, dick zu werden (den Freunden und Eltern nicht zu gefallen, in gewisser Weise auch ungehorsam zu sein), isst es aber nicht, kommt die Angst vor dem Verhungern, denn der Körper verlangt die Nahrung und signalisiert bei ihrem Ausbleiben „Gefahr!“. In Panik, nicht mehr genug zu bekommen, wird das Kind immer unkontrollierter Essen, jetzt auch ohne Hunger, denn wenn der kommt, ist vielleicht nichts mehr zu Essen da. Das Kind hat den Hunger kennen gelernt und wird den Teufel tun, sich freiwillig diesem erneut auszusetzen.

Der Mangel und seine Verhinderung ist nach meiner Meinung eine treibende Kraft in der ganzen Persönlichkeit des Dicken. Unter den Dicken finden sich ungewöhnlich häufig die fürsorglichen, die bevorratenden, die besitzstrebenden, die risikounfreudigen, die festhaltenden Menschen, die das Heute vernachlässigen, weil sie das Gestern in der Zukunft nicht noch einmal erleben möchten