Einsamkeit

 

"Im "Yerkes-Center", einem der bedeutendsten Primaten-Laboratorien der Welt, untersuchen Psychologen seit 1972 das "Sprach"-Verhalten von Menschenaffen.
Am 6. März 1974, nach 15 Trainingsmonaten, hatte Lana, die schwarzbraune Elevin mit den lebhaften Augen und der Stulpenschnute zum erstenmal eine Konversation begonnen. Ihr "Gesprächspartner" war der amerikanische Psychologe Tim Gill, ein Assistent des Professors. Mit Hilfe des Computers korrespondiert Lana mit Tim Gill in einer Sprache, die "Yerkisch" heißt: nach Robert Yerkes, einem der Begründer der "Primatologie", der Lehre von den Menschenaffen, Tieraffen und Halbaffen.

Die Zeichen ihrer Sprache sind geometrische Figuren auf farbigem Grund. Es sind Lexigramme - "Wörter" einer Computersprache. Lana findet sie auf ihrer Tastatur, und sie bilden sich auf den Projektoren ab, wenn Lana die Tasten gedrückt hat. So kann die Schimpansin kontrollieren, ob sie richtig "geschrieben" hat.

Denn richtig schreiben muß sie, wenn sie ihre Befehle ausgeführt, ihre Wünsche erfüllt haben will. Und "richtig" bedeutet "grammatisch richtig" - im Sinne einer vereinfachten Grammatik, die von Rumbaughs Wissenschaftlern eigens für diese Computersprache entwickelt wurde. Der Computer prüft Lanas Sätze auf ihre grammatische Regeltreue. Und von ihm gesteuert, protokolliert ein Fernschreiber jeden dieser Sätze - simultan übersetzt - ins Englische.

"Bitte - Maschine - geben - Stück - von - Brot - Punkt!" schreibt Lana computergrammatisch fehlerfrei. Und der Automat wirft ihr unterhalb des Tastenfeldes ein Brotstückchen zu.

Doch kann die Schimpansin auch eine Filmvorführung ordern, eine Dia-Schau oder ein Konzert vom Tonband. Stärker jedoch, größer sogar als Naschhaftigkeit oder Hunger ist - Folge ihrer Isolation im Laboratorium - ihre Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Zärtlichkeit. Häufiger als nach Brot und Bananen verlangt sie deshalb nach Tim Gill:

"Bitte - Tim - hereinkommen - Punkt!" Oder:
"Bitte - Tim - lausen - Lana - Punkt!" Oder auch:
"Bitte - Lana - lausen - Tim - Punkt!"

Dann kommt Tim Gill herein und laust die Schimpansin - oder er läßt sich von ihr kraulen. Nachts jedoch ist er selten im Laboratorium. Dann kann es geschehen, daß Lana ausdrückt, wie einsam sie ist:

"Bitte - Maschine - kitzeln - Lana - Punkt!""

aus "Mich laust der Mensch" von Jürgen Lethmate
GEO 17/1978, Seite 39 f